Mountainbike Craft Trans Alp 2012

 

Jens Schönbohm und ich, Heiko Klein, haben an der diesjährigen Craft Bike Transalp vom 14.-21. Juli 2012 - in acht Tagen von Oberammergau nach Riva am Gardasee - teilgenommen; für die Daheimgebliebenen habe ich, in starker Anlehnung an einen anderen Artikel, alles aufgeschrieben.

Alles begann ein Jahr vorher, als unser Freund Dietmar Müller sieben Athleten des RC Endspurt Herford: Mirco Holz, Bernd Vockenroth, Reiner Wias, Sven Gieselmann, Thomas Gruner, und eben uns Zwei zur Craft Bike Transalp 2012 überredete. Für mich persönlich eine Bereicherung unter dem Motto: "Denn er konnte nicht wissen, was er tat".

Aber allein die Vorbereitung hätte ausreichend Warnung sein müssen. So standen bereits im Winter regelmäßig Mountainbike-Ausfahrten von 100km und mehr auf dem Programm. Teuto, Wiehengebirge und immer wieder das Kalletal mussten als Trainingsrevier herhalten. Höhepunkt war der Marathon in Willingen bei Regen und Matsch wurden 123 Kilometer und 3500 Höhenmeter bewältigt.

Einziger Trost bei der Quälerei war der Gedanke, dass bei der Transalp der Veranstalter aus Sicherheitsgründen die 1100 Teilnehmer nicht über so ausgesetzte und schwierige Strecken führen kann, wie wir uns das als Einzelfahrer zugemutet haben. Nun ja, dies war ein Irrtum, wie sich später herausstellte – er konnte noch Schlimmeres.

Bike Transalp 2012 – Von Yetis und Fata Morganas

Heiliger St. Florian, ist das heiß hier! In Strömen laufen die wertvollen Mineralien aus meinem Körper und tropfen auf den glühenden Asphalt. Würde mich nicht wundern, wenn unter mir alles dampft. Ein Kontrollblick nach unten ist aber unmöglich, der Berg bäumt sich vor mir auf und fordert hundertprozentige Aufmerksamkeit. Der „Berg“ ist der legendäre Mortirolo-Paß zwischen Grosio und Ponte di Legno in der italienischen Provinz Sondrio.

Es ist Donnerstag und wir befinden uns auf der sechsten Etappe, der Königsetappe des Mountainbike-Etappenrennens „Craft Bike Transalp 2012“. In Grosio, unten im Tal auf 600 Meter Höhe, sind es 35 Grad im Schatten. Mit dem Mountainbike auf einer Asphaltstraße. Aber diese spezielle Straße wehrt sich schon über eine Stunde mit Steigungen zwischen 18 und 25% gegen ihre Befahrung durch meinen Teamkollegen Jens und mich. Schließlich haben wir heute schon zwei Pässe, jede Menge ruppiger Karrenwege und eine Rüttel-Abfahrt von über 1.800 Höhenmetern hinter uns. Das zehrt und lehrt Demut. Übersetzung:22/34 istdie Antwort.

Genau wie wärend der bisher absolvierten fünf Renntage:

 

1.Tag:

Eine wahre Schlammschlacht brachte uns von Oberammergau nach Imst. Der Dauerregen machte die Abfahrten schmierig und gefährlich, so dass nach kaum zwei Rennstunden schon das erste Favoritenteam die Segel streichen musste. Der ehemalige Europameister Thomas Dietsch aus dem Elsaß stand nach einem kapitalen Sturz nicht mehr auf und musste notärztlich versorgt werden.
Jens und ich hatten mehr Glück und durften am nächsten Tag nach Ischgl weiterfahren.

 

 

2. Tag:

Am brachialen, sehr steilen Anstieg zur Venetalm musste ich mich wieder quälen. Jedenfalls waren die verbleibenden Stunden richtig anstrengend und ich dankte dem Radgott als wir endlich hinter der Ziellinie auf dem Dorfplatz von Ischgl ankommen durften. Fast 3.300 Höhenmeter mit teilweise schmierigen Abfahrten fahren sich halt nicht einfach so runter. Vor allem nicht, wenn sich das Skigebiet hoch zum Idjoch vor einem auftürmt, das weitere Leiden für den kommenden 3.Tag verspricht. Denn schon auf dem Weg in den bekannten Skiort weiß man, dass einen die krampfenden Beine bereits wieder in 15 Stunden über die Skipisten bis in über 2.700 Metern transportieren müssen.

 

 

Tag 3:

Bis wir die anspruchsvollen Stunden zum Dach der diesjährigen Tour auf 2.737 Metern Seehöhe absolviert hatten, war die ganze Herrlichkeit des am Vorabend gefallenen Schneesdort oben, aber schon wieder geschmolzen. Eiskalt blies der Wind und wir schossen der Schweiz und der Sonne entgegen. Wie so oft: Kaum ist der Alpenhauptkamm überquert,lachen die Sonne und das Herz. Frisch motiviert genossen wir die anschließenden traumhaften Trails und beim Schlussanstieg kurz vor Nauders fuhren wir etwas langsamer, denn Jens Knie schmerzte wie "Hulle".

 

 

Tag 4:

Auf der folgenden kurzen 4. Etappe nach Scuol über wunderschöne Wege oberhalb des Reschensees hatte ich stark mit der nachlassenden Kraft meiner Beine zu kämpfen; Jens quälte mich unendlich mit seinem Tempo. Am Ende gaben diese völlig ihren Dienst auf, so dass ich mich kurz vor dem Etappenschluss zurücknehmen musste und etliche Gruppen an uns vorbei flogen.
Danke Jens, dass du auf mich gewartet hast.

 

Tag 5:

 

Für die 5.Etappe waren griffige Bremsen Pflicht. Schließlich lockte der phänomenal schöne Schweizer Nationalpark mit seinen Single-Trails und Traumpanoramen. Und dieser Streckenabschnitt erfüllte unsere Erwartungen ganz und gar. Jens lief zur Höchstform auf, ich holte mir einen Speichenriss und merkte erstmals, dass schnell das "Aus" vor einem stehen könnte.

Alles, aber Bloß nicht Ausscheiden, das darf nicht passieren. Ich wurde vorsichtig. Die Sonne strahlte mit uns um die Wette, als wir mitten in der Wildnis einen endlosen Single-Trail mit Wahnsinns-Aussicht auf den Lago San Giacomo di Fraele belohnt wurden. Da waren auch die fiesen Kotzrampen direkt vor dem Ziel in Livigno zu verschmerzen, ebenso wie Jens Tempo.

 

So viel Kraft hatten die bisherigen fünf Etappen schon gekostet.

 

Wieder zur 6. Etappe:

So viele Kräfte freigesetzt. Ich will in den Schatten, liegen und schlafen. Aber haben wir uns dafür durch Modder, strömenden Regen und Eiseskälte gequält? Habe ich mich dafür auf dem Talweg im Paznauntal mehr überwunden als bei jedem Ironman? Hat sich dafür Jens gequält, wenn es ihm einmal dreckig ging und er nicht mehr so recht konnte? NEIN, dieser Drecksberg, der Mortirolo, kriegt mich nicht klein. Ist ja nur ne billige Teerstraße. Die Rennradler fahren zwar die flachere Variante und sparen sich die 20%plus-Rampen im unteren Teil, aber für Dich mit der kleinen MTB-Übersetzung sollte das doch kein Problem sein. Reiß Dich zusammen, Dicker Heiko Klein.
Wieder Zwinge ich meinen Popo auf den Sattel und trete. Trete immer weiter und weiter. Booh, Jens, was quälst du mich, aber ich komme gleich. Noch eine Kurbelumdrehung und noch eine. Nach oben hin wird es kühler und flacher und mir geht es wieder deutlich besser. Schließlich kündigen Schilder die letzten Kehren und die nahende Passhöhe mit Verpflegungsstation an. Geschafft! Wie die Heuschrecken fallen wir über Wassermelonen und Erdnüsse her. Füllen unsere Bäuche mit Wasser bis nichts mehr reingeht.
Der Rennradler darf jetzt abfahren. Wir aber müssen uns noch mal eine steile Straße hochquälen bis uns nach über x Sunden und anderthalb Kilometern Höhengewinns zum Dessert noch die absolut härteste Abfahrt der diesjährigen Transalp serviert wird. Felsquader, verblockte Schlammlöcher, Wurzeln. Der Großteil davon glitschig. Sieht richtig riskant aus. Ich fahre trotzdem; - manchmal.
Am Ende der Abfahrt bin ich erleichtert, denn ehrlicherweise bin ich bis hierher nur durch Glück sturzfrei geblieben. Das war über meinem Niveau! Nicht so z.B. bei Dietmar Müller, der bei dieser Veranstaltung zur Höchstform aufläuft. Als schwächerer Abfahrer wollte ich unten angekommen gleich schnell weiterfahren, doch es ging nicht. Im Nachhinein wurde mir auch klar warum.
Ich bin stehend abgefahren und durch diese ungewohnt lange stehende Haltung ist der Akku leer.
Nun sind es nur noch acht einfache Kilometer bis ins Ziel. Das sollten wir hinkriegen. Aber der arme Bursche, ich, leidet. An einem großen Brunnen halte ich an und tauche meinen Kopf ins Wasser. Für die Abfahrt habe ich wohl die letzten Reserven mobilisieren müssen. Ich schleppe mich dem Ziel entgegen und überlebe irgendwie die üblichen, gemeinen kleinen Rampen vor dem Ziel. Jens geht es gut und er wartet dankenswerter Weise auf mich. Völlig entkräftet fahre ich durch den Zielbogen.

 

Der Freitag hält ja auch noch eine Monsteretappe mit zwei riesigen Bergen und 3.200 Höhenmetern für uns bereit. Eine Zeitlang mache ich mir Sorgen, ob wir rechtzeitig regenerieren können, aber im Laufe des Abends fühlen wir uns immer besser und begeben uns dann schon wieder in erstaunlich guter Verfassung ins Reich der Träume.

 

Tag 7:

Sehr geschmeidig geht am nächsten Morgen der erste vertikale Kilometer weg und nun können wir uns auf über zehn Kilometern Länge auf Traumtrails, oft schiebender weise austoben. In 2.400 Metern Höhe! Das Wetter schwankt zwischen Gewitterwolken und Sonnenschein, so dass wir eine ganze Reihe von spektakulären Blicken ins Adamello-Massivwerfen können. Wir heizen die perfekt in den Abhang eingepassten Wanderwege hinunter und freuen uns des Biker-Lebens.
Der letzte Anstieg aus dem Val die Sole hinauf zum Rifugio Orso Bruno ist noch mal ein Killerberg. 20%-Rampe um 20%-Rampe wehrt sich gegen uns. Am Ende muss sich auch dieser Berg geschlagen geben. Gleich rasen wir über Schotter wieder bergab. Direkt hinein in ein Sumpfgebiet. Was daran witzig sein soll, nach einem siebenstündigen Marathon sein Rad noch einen Kilometer durch den Dreck zu schleifen, bleibt wohl das Geheimnis des Streckenplaners. Jedenfalls empfindet keiner der betroffenen Athleten diese Passage als „lustigen Dschungelausflug“, sondern einfach nur als überflüssige Schikane. Glücklich wieder festen Waldboden unter den Reifen zu haben, fahren wir dann die letzten Meter auf wurzligen Wanderwegen direkt hinein ins Herz von Madonna di Campiglio. Wieder viele Plätze gut gemacht, jedoch hören wir im Ziel, dass Bernd schwer gestürzt ist und er nach Hause gefahren werden muss. Für Jens, Dietmar, Thomas und mich: Riva kann kommen!

 

 

Tag 8:

Aber auch der letzte Tag zeigt unserem abgekämpften Haufen die Zähne. Heftige Regengüsse begleiten uns die letzten tausend Höhenmeter hinauf zum wundervollen Passo Bregn da l‘Ors. Aus dem versprochenen traumhaften Brenta-Blick wird nichts. Alles ist grau und trist. Jeder will nur möglichst schnell der Schlammwüste entfliehen. Auf der ewig langen Abfahrt friert Jens ein. Er schlottert am ganzen Körper. Gnädiger Weise kommt die nächste Verpflegungsstelle. Jens wird wieder ins Reich der Warmblüter zurückgebracht.
Mittlerweile scheint wieder die Sonne. Wir kämpfen uns durch den Matsch des letzten Anstiegs und stehen endlich am Startpunkt des letzten Trails hinunter nach Riva. Leider ist der wegen der Nässe größtenteils unfahrbar und sogar wir mutieren zu Vernunftschiebern. So kommen wir glücklich und gesund, Hand in Hand fahrend, in Riva del Garda an.

 

Über 600 Kilometer und knappe 21.00 Höhenmeter haben wir in 8 Tagen zurückgelegt. Alle Etappen absolvierten wir weit unter dem Zeitlimit. Einen Platten, einen Speichenriss und eine menschliche Bereicherung. Das wechselhafte Wetter und die harte Strecke haben uns und den anderen Teilnehmern alles abverlangt. Ungefähr 150 Teams müssten das Rennen aufgeben.

Leider auch zwei Teams von uns.

Bernd, Sven, Mirko, Reiner, es tut mir wirklich leid und ich danke euch, wie ihr uns zusammen mit Uschi, Hansi, Dieter und Nina mit Mutter unterstützt habt; das war klasse!!! Ich werde so etwas nicht vergessen und dies auf meine geistige Festplatte einbrennen.

Bei warmem Wetter, kühlem Bier und Hähnchen im Ziel von Dieter serviert, feierten wir noch lange unser gesundes Ankommen am schönsten Zielort für Mountainbiker, dem Gardasee.

Ein kühlendes Bad in der Nacht mit Mattes, Tom, Dietmar und Mattes Sohn war ernüchternd, genauso wie der Wecker am nächsten Morgen. Ich durfte von Treviso nach Spanien gesund zu meiner Familie fliegen.

Fazit: Ich bin stolz auf Jens und mich, aber das Ganze war eine Nummer zu hart für mich. DieMöglichkeit nicht Durchzustehen war wahrscheinlicher als ich es mir in den kühnsten Träumen hätte vorstellen können!!!!